Tagungsthema

Vernetzung. Stabilität und Wandel gesellschaftlicher Kommunikation

Die aktuellen Krisen zeigen, wie sich verschiedene Akteursgruppen innerhalb von Staaten und über Grenzen hinweg online miteinander vernetzen und welche Dynamik diese kommunikative Vernetzung entfaltet. Flüchtlinge koordinieren ihre Routen in genauer Kenntnis der aktuellen Verhältnisse an den Grenzen. Im arabischen Frühling ließen sich große Menschenmengen blitzschnell für spontane Protestaktionen mobilisieren. Terroristen informieren und organisieren sich effizient über nationale Grenzen hinweg. In der Terrorismusbekämpfung stimmen sich die Sicherheitsbehörden verschiedener Länder kontinuierlich über aktuelle Gefahrenlagen ab. Auch in der griechischen Finanzkrise waren schnelle Information und Koordination die Voraussetzung für Orientierung und kollektives Handeln von nationalen Finanzpolitikern und EU-Organen. Die Vernetzung war aber auch innerhalb der griechischen Bevölkerung wichtig, wenn es um Tipps zur Öffnung der Banken oder zur Sicherung der Ersparnisse ging. Diese Beispiele machen deutlich, dass Informationsaustausch zwar auch offline funktioniert, aber die Online-Kommunikation die Vernetzung erheblich erleichtert und beschleunigt.

Die Vernetzung über Online-Kommunikation verändert die gesellschaftliche Kommunikation auch im gesellschaftlichen „Normalbetrieb“ außerhalb des Krisenmodus´. In den letzten Jahrzehnten geraten zunehmend Netzwerke horizontal und vertikal durch Interaktionen verbundener Bürgern, politischer Akteure, Organisationen, Unternehmen und Institutionen in den Blick wissenschaftlicher Analyse. Castells (1996), van Dijk (1999) und viele andere haben eine Zunahme von direkten Interaktionen festgestellt und diese Beobachtung auf das Schlagwort der Netzwerkgesellschaft zugespitzt. Für diese Entwicklung ist die Durchdringung der Gesellschaft durch Online-Kommunikation ein starker Treiber. Eine besondere Bedeutung kommt der kommunikativen Vernetzung in sozialen Medien zu. Durch die direkte Online-Verbindung ist der Austausch mit anderen schneller und einfacher geworden. Mit den sozialen Medien können ohne Umweg über die Massenmedien alle Ebenen untereinander direkt verbunden werden. Welche Auswirkungen die direkte Kommunikation über die Kanäle des Netzwerks auf die Inhalte der Kommunikation haben, und inwieweit die direkte medien-vermittelte Kommunikation im Web 2.0 Merkmale der interpersonalen Kommunikation aufweist, wird eine der Fragen sein, auf die die Tagung eine Antwort sucht. In welchen Bereichen zeigen sich Veränderungen durch direkte oder medial vermittelte Verbindungen zwischen den Gesellschaftsmitgliedern, wo bleiben Strukturen und Prozesse gesellschaftlicher Kommunikation stabil?

Die Jahrestagung 2017 macht die Vernetzung zur analytischen Perspektive für eine Vielzahl von Phänomenen gesellschaftlicher Kommunikation. Die Perspektive der Vernetzung lässt sich auf die politische Kommunikation die Wirtschaftskommunikation oder die Wissenschaftskommunikation ebenso anwenden wie auf zivilgesellschaftliche und private Kommunikation. Die Perspektive wirft ferner Fragen nach der Regulierung und Selbstregulierung von Netzmedien und Netzkommunikation sowie Fragen nach der Erhebung und Auswertung von Kommunikationsbeziehungen auf.